Der Verleger hat das Wort.
1/1 Der Verleger hat das Wort.
16.10.2020 06:00

Gedanken zum Achtzigsten

Dankbar feierte ich meinen 80. Geburtstag. Aber der Geburtstag ist nicht unser persönliches Verdienst. Weder meine Geburt, noch mein Lauf des Lebens und all die 80 Jahre lagen in meinen Händen. Das gilt für alle Menschen. Darum: Wer Geburtstag feiert, hat Grund zur Dankbarkeit. Und ähnlich dankbar sind diejenigen, die einem nahestehen, sei es die Familie, seien es Bekannte aus dem privaten, beruflichen und öffentlichen Leben.

Dankbar überblicke ich als Achtzigjähriger zunächst mein Geburtsjahr: Wie war das Jahr 1940 nicht sorgenvoll, für die Schweiz und erst recht für das übrige Europa! Ausserhalb unserer Grenzen tobte der Krieg. Die Deutschen überfielen nacheinander Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark und Norwegen. Sie versuchten, England mit einem Bombenhagel in die Knie zu zwingen. In der Schweiz setzten sich damals zum Glück die Widerstandsfähigen, nicht die Anpasser durch – in Politik, Wirtschaft und Militär. Unser Land hielt durch und bewahrte die Demokratie und den Rechtsstaat. Die Dankbarkeit gegenüber dieser Generation kann nicht gross genug sein!

Wie ganz anders zeigt sich das Jahr 2020. Wir leben zwar in einer verrückten Zeit einer verrückten Pandemie, aber dennoch in Frieden und Wohlstand. Krieg, Not und Verzweiflung sind weit weg. Das Geschick meint es gut mit uns!

Wir Menschen kommen mit nichts auf die Welt. Später versuchen wir, das Leben zu bewältigen. Wenn ich meine achtzig Jahre überblicke, sind Mühen, Lasten und Ärgernisse im Rückblick vergessen. Möglicherweise habe ich vieles falsch gemacht. Aber trotzdem ist es gut herausgekommen! Zufall? Glück? Oder – tiefer gedacht – wohl Gnade.

Oder wie es der grossartige Schweizer Maler Albert Anker immer wieder malerisch darstellt: «Siehe, die Erde ist nicht verdammt.» Ist das nicht Anlass zur Freude?

E gfreuti Wuche.

Christoph Blocher