Eine Hexe vollführt einen Liebeszauber. js
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Georg Schmid, Sektenexperte, führt ein Voodo-Ritual vor. js
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07.11.2019 07:30

Nach Satan kam die Psychose

Okkulte Praktiken wirken für Aussenstehende nahezu lächerlich. Nicht aber für deren Anhänger.

Steckborn Terminieren kann sie, die Volkshochschule Steckborn. Denn kaum ein Datum hätte besser für den Vortrag über Okkultismus gepasst, als der 31. Oktober. Halloween. Die Nacht, in der sich Untote aus ihren Gräbern erheben und sich Vampire an Tier- oder Menschenblut laben sollen. Okkultismus, ein Wort das Bilder in unseren Kopf pflanzt, wie es sonst nur Alfred Hitchcock und Stephen King vermögen. So düster das Thema, so gross das Interesse daran. Die organisierende Volkshochschule durfte sich zusammen mit den beiden Steckborner Kirchgemeinden über reichlich Besuch im Hubschulhaus freuen. Freuen durften sich auch die Besucher, ergriff doch mit Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen «relinfo» ein Experte das Wort. Und gab einen eineinhalbstündigen Einblick in die Welt des Okkulten.

Nackte Hexen

Wenn ein Nudist aus der BDSM-Szene mit weissem Bart heute behauptet, Zauberkräfte zu haben, wird er wohl kaum für voll genommen. Nicht so in den 60er Jahren. Damals gründete dieser bärtige Mann, namentlich Gerald Gardner, eine Religion. Wicca nennt sich diese Bewegung, deren heute zahlreiche «neue Hexen» angehören. Diese zelebrieren Feste, einige nackt, einige in schwarzen Roben oder mittelalterlichen Kleidern und glauben, ihre Mitmenschen verzaubern zu können. Anders Vampire, die vor allem Blut magische Kräfte zuschreiben. Diese treffen sich häufig, um auf Friedhöfen Partys zu feiern und durch das Trinken von Blut ewiges Leben zu gewinnen. So lächerlich das alles klingen mag - all diese Gruppierungen gibt es tatsächlich. Und noch mehr.

Satans Fratze

Anschaulich und mit Beispielen aus seinem Alltag als Leiter der Informationsstelle «relinfo» beleuchtete Georg Schmid das Thema Okkultismus. Mal humorvoll, mal ernst sprach er über Hexen, Vampire und Vodoo. Diese okkulten Gruppen sind nicht etwa nur in den USA verbreitet. Gemäss Schmid gibt es das alles auch in der Schweiz. Genauso, wie es hierzulande Satanisten gibt. Der Sektenexperte sprach von fünf rituell motivierten Morden in den letzten zwanzig Jahren in der Schweiz. Laut Schmid eine Zahl, die man nicht überdramatisieren sollte. Aber eine, die dennoch alarmiert. Denn der Glaube ans Okkulte kann schnell zum Wahn werden. «In seltenen aber schwierigen Fällen kann Experimentieren mit satanistischen Ritualen zu einer psychotischen Episode führen», erklärte Schmid. Er erzählte die Geschichte einer jungen Frau, die an Satansbeschwörungen teilgenommen hat. «Sie berichtete, dass sie beim Blick in den Spiegel die Fratze von Satan sieht. Die junge Frau hat sich vom Teufel richtiggehend verfolgt gefühlt», erinnert sich Schmid. Natürlich, so der Religionswissenschaftler weiter, sei es möglich, dass sie schon vorher eine Tendenz zu Wahnvorstellungen gehabt habe. «Aber hätte sie an diesen Experimenten nicht teilgenommen, wäre die Psychose vielleicht nie ausgebrochen.» Deshalb warnt Schmid insbesondere junge Menschen stets vor solchen Experimenten. Denn: «Wir alle wissen ja nicht, was wir in uns tragen.»

Kaninchen gekreuzigt

In einem weiteren Fall schilderte Schmid, wie weit fünf junge Männer aus Horgen gingen, um Satan zu huldigen. Angefangen hat alles mit einer Satansanrufung auf dem Friedhof. «Sie glaubten, dass sie immer mehr für Satan tun müssen. Also haben sie immer schlimmere Taten begannen», erklärte der Religionsexperte. So schändeten die Jugendlichen Gräber, Kirchen und tranken im Rahmen des sogenannten Ekeltrainings Urin. «Das nächste war ein Tieropfer. Sie haben Zwergkaninchen aus einem Aussengehege mitgenommen und diese in einer Holzhütte an die Wand genagelt, aufgeschlitzt und deren Herzen gegessen», erzählte Schmid. Schlussendlich landete die Gruppe in Untersuchungshaft. «Der Chef dieser Satanisten aus Horgen hat mir später gesagt, dass sei ein riesiges Glück gewesen», so Schmid, «denn sie waren in einem solchen Wahn, dass sie als nächstes ein Baby geopfert hätten.» In U-Haft seien die fünf jungen Männer schliesslich aus ihrem Wahn aufgewacht.

Der Altar als Warnzeichen

Aber wieso sind vor allem Jugendliche gefährdet, dem satanistischen Wahn zu verfallen? «Sehr häufig haben diese Menschen Angst, Selbstwertprobleme oder psychische Schwierigkeiten», so Schmid. Diese Jugendlichen finden schliesslich Halt im Satanismus und glauben, dass der Teufel ihnen Kraft gibt, um ihr Leben zu bewältigen. Es ist laut Schmid wichtig, dass Betroffene möglichst schnell psychologische Hilfe bekommen. «Wenn Sie jemanden kennen, der sich selber als Satanist bezeichnet, schauen Sie sich sein Zimmer an. Wenn er einen Altar mit satanistischen Symbolen eingerichtet hat und diesen anbetet, sollten Sie unbedingt etwas unternehmen.»

Janine Sennhauser